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Bergtour: Zum Alakan Too
Von wilder Berglandschaft, vomierenden Schafen und wirtlichem Tee
Das Ganze vom 15. – 17. Oktober 2006
Die dritte Wanderung in der Umgebung von Osch – nach dem im Frühjahr 2006 locker durchgeführten zweitägigen Märzspaziergang und der etwas anspruchsvolleren Wanderung in Arslanbob im Schatten des Babasch Ata.
Begegnung auf wilden Bergweiden
Wenn man in Papan, einer südlich von Osch gelegenen, staubigen und öden Kleinstadt – kein Dorf in Deutschland kann sich wohl solcher Tristess rühmen – den Weg nach Süden einschlägt, kommt man auf einer immer löchriger werdenden Schotterpiste in ein immer enger werdendes Tal. Der Weg führt entlang des stürmisch daherbrausenden Ak-buura, dem Fluss, der den Papanstausee speist und das Wasserreservoir für Osch darstellt, langsam aber beständig ansteigend. An der ersten Brücke, die nicht gerade sehr Vertrauen erweckend wirkt, zweigt ein Weg in die linker Hand sich steil erhebenden Felsen hinein. Das kleine Seitental liegt eng eingeklemmt zwischen steilen Felsen, trocken, staubig, die Hitze staut sich, obwohl der Weg sich nahezu vollständig im Schatten befindet. Ich höre plötzlich das Rauschen des Wassers, frage mich wo es vor zehn Minuten war, wo es verschwindet, versickert, es muss die ganze Zeit unterirdisch in RichtungAk-buura geflossen sein. Nach einer guten Stunde öffnet sich eine kleine Hochebene, vereinzelte Lehmhäuser tauchen auf, verstreut wie das wenige Vieh, das zu sehen ist. Auf der Karte ist dieser Ort als Ansammlung kleiner Quadrate vermerkt und Quadrate bedeuten für den Wanderer: Vorsicht Hunde!, denn dort wo Hütten stehen, liegen auch Hunde, die vor allem den Europäer schon von weitem riechen und gleich doppelt wachsam bellen. Der Weg steigt weiter steil an, es geht Richtung Norden. Das Tal ist nur spärlich bewachsen. Und dann, irgendwann taucht aus der wellig grünen Linie, die Himmel und Erde trennt, die Wolken verhangene Zackenlinie des Alakan Too auf. Unvermittelt ein ‚Salamaleikum’ von rechts. Ein junger Bursche mit Wetter gegerbtem Gesicht schlägt sich aus den Büschen zu mir. Er lädt mich sogleich ein mit ihm Tee zu trinken, und so steuern wir auf eine windschiefe Lehmhütte zu, die auf einem steilen Hügel über das Talrund thront.
Eine kärgliche Behausung. Die Tür wird lediglich mit einem Holzgatter verschlossen, damit keine Tiere eindringen können und auch das Fenster bleibt unverschlossen, dass der Rauch abziehen und die Kälte eindringen kann. Im Innern eine Art Ofen, neben dem das Brennmaterial aufgehäuft liegt – ein ganzes Klafter getrockneter Kuhfladen wie eine surreale Regalwand. In der hinteren Ecke ein hoher Stapel Filzdecken, die des Nachts auf dem Boden ausgebreitet werden und zur Schlafstädte werden. Wir unterhalten uns mehr mit den Händen, denn Almat, der kirgisische Schafhirte, kann kaum Russisch. Auch der kurz zuvor angekommene Gast namens Abdilatip, ein Muskelberg, ein kirgisischer Bär. Er erzählt vom ruhigen Leben als Hirte, von seiner Jugend, als er ein großer Boxer in Kirgistan war – und er fragt mich, ob ich ein Spion sei, wozu ich mit einem so großen Rucksack durch die Berge wandern würde, wenn ich nicht aus Tadschikistan Drogen in seine Heimat schmuggeln wollte. Da ich nur eine ungenaue Karte – wenn auch topographisch – habe, den Einstieg in das Massiv erst suchen und ich dann für eine Übernachtungsstelle, möglichst wassernah, zu sorgen habe und da sich der Tag, der Wolken und Nebel verhangene, dem Ende entgegen neigt, schaff es Almat, mich zu überreden, bei ihm über Nacht zu bleiben. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommt sein ‚Bratitschka’, sein kleiner Bruder, mit den dreihundertundfünfzig Schafen von den Weidenflächen zurück. Aus einem Stoffbeutel, der von der Decke hängt, wird Trockenfleisch genommen. Stücke davon in einen außen rußigen, so wie innen fettigen Topf geschnitten. Einige Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten zerstückelt hinzu gegeben. Das leicht angeschimmelte Fladenbrot wird mit staubigem Lappen sauber gewischt, gebrochen und auf einem Tuch auf dem Boden ausgebreitet. Zwei Löffel gibt es, einen für den Gast, einen für die beiden Gastgeber. Und dann, nachdem wir zu Abend gegessen hatten, zu dritt im Dunkeln dicht aneinandergedrängt auf der Filzmatte liegend – den Schlafsack hatte ich nicht geöffneten Rucksack gelassen -, bittet er mich: ‚Martin, sing ein Lied aus Deutschland.’ Und dann singe ich noch ein russisches und ein kirgisisches Lied. Und die beiden freuen sich, versuchen mitzusingen, mitzuklatschen und lachen. Der einfache Hirte und der kleine Junge, sie sind merklich zufrieden mit diesem Nachtprogramm, freuen sich wie Kinder, einfach und kindhaft-ehrlich. Und dann schaut Almat mich von der Seite an, ernst, und ich weiß diese zusammengezogenen Augenbrauen nicht zu deuten. Er wünscht eine gute Nacht dreht sich um und wartet auf den verdienten Schlaf.
Die Nacht der vomierenden Schafe
Die Dunkelheit ist nicht nur Nacht hier, sie strahlt kühle Atmosphäre der Bergwelt, das braungrüne Flair der Sommerweide und beredte Stille. Die Stimmen der Ruhe malen ein sanftes Pastell unter die Glasglocke eines sakralen Firmaments Dann dieses magenbrünstige Brüllen. Eine Horde volltrunkener und den Reife geprüften Suff sich aus dem Gesicht kotzender Abiturienten stolpert an der Hütte vorbei – dabei stehen nur Schafe davor und glotzen sowohl mondtrunken in den Himmel, als auch neugierig ins Schlafzimmer. Schafe, dreihundertfünfzig, deren Kauen und Schmatzen in eine Art Endstadium des Raucherhustens übergeht. Krude Kotzgeräusche nachahmend, rülpsend und furzend in animalischem Chor stehen sie in viehischer Kakophonie vor der Tür. Ab und zu steht Almat auf und jagt ein allzu neugieriges Schaf, dessen sabbernder Kopf zur Öffnung hereinschaut zurück zur Herde. Der linke Fuß seinen kleinen Bruder hat sich über mein Kreuz gelegt und ich verharre bewegungsunfähig an die Lehmwand gedrückt bis zum nächsten Morgen unter der Filzdecke. Als ein stählern-kaltes Licht den Tag ankündigt, sehe ich Almat schon Feuer entfachen. Bald schon kocht der Wasserkessel und – nach einer brüderlichen Tasse Tee – steige ich Richtung Nord-Ost über weiche Grasmatten dem Felsmassiv entgegen. Hütte und Schafe werden kleiner, verschwinden bald hinter dem Schleier des Neuen. So schnell und einfach. Begegnung und Abschied sind Normalität. Sind eine Einheit sogar. Ein spärliches Rinnsal schlängelte sich zwischen einem kleinen, aus niedrigen Bäumen bestehenden Wäldchen ins Tal. Irgendwo zwischen Kühen und Schafen wird es in modrigem Grund versiegen.
Der Reiz der unbekannten Wege
Bald schon ist ein steiniger Einschnitt erreicht. Es geht ein steiles Kar über lockeres, das Steigen nicht gerade erleichterndes Geröll hinauf. Wolkenfetzen verhüllen immer wieder den Blick und auch nach vier Stunden ist nicht genau zu erkennen, wo eine freie Felsspitze den höchsten Gipfel markiert. Dann plötzlich, ein Windstoß fegt Nebelschwaden wie wirbelnden Staub über die aufgetürmten Felsbrocken. Es ist kurz nach zwölf, als die letzten Wolkenfetzen sich auflösen und einen leicht ansteigenden Grat enthüllen. Vor mir der Gipfel, das heißt einer von drei möglichen. Zwei tief eingeschnittene Felsrinnen trennten zwei weitere Spitzen von der, auf der ich nun stehe. Zweifelsfrei stehe ich auf der höchsten, so zumindest sagt es mein point of view.
Wandern, Bergwandern – in den Alpen ein schönes Spazieren entlang bunt angemalter Steine, jeder Klettersteig, jede Routenvariante hat seine eigene Farbe, sein eigenes Symbol. Hier im wilden Kirgistan allerdings orientiert man sich nach der Himmelsrichtung, nach dem bestmöglichen Vorwärtskommen. Manchmal wie eine Art Schachspiel- man sollte immer zwei, drei Schritte weiterdenken, um nicht plötzlich vor einer unbezwingbaren Überraschung zu stehen. Da ich aber Überraschungen liebe, wähle ich eine andere Variante für den Rückweg. Und der Abstieg war interessant, steiler und der Felseinschnitt wilder, zerklüfteter. Dann musste ich den Rucksack abnehmen, ihn vor mir her in einen Kamin hinein schieben und im Spreizschritt über zehn Meter abklettern. Ein erster Adrenalinstoß. Dann ging es weiter über steile Geröllmassen, die eingezwängt sind in einen vom Frühlingswasser ausgefrästen Spalt. Mehrmals kommt das lockere Geröll ins Rutschen, Steine setzen sich in Bewegung du ich verliere das Gleichgewicht – wenn hier etwas passiert! …, der Weg nach oben ist kaum mehr möglich und immer wieder muss ich das Gepäck über einen Felsabsturz in die Tiefe werfen, eine Möglichkeit suchen, hinunter zu klettern. Es geht Gott sei Dank alles gut und nach dreistündigem Rückweg komme ich wieder an Almats Hütte vorbei. Tee wird mir wie selbstverständlich serviert, bevor ich mich auf den Weg zurück ins Tal, in die Stadt mache …
Tee, der Toleranz Getränk
… und es gab niemanden, dem ich auf dem Rückweg begegnete, der mich nicht gefragt hätte, ob ich nicht Tee trinken, nicht in sein Haus kommen wolle. Eine Selbstverständlichkeit ist es, dem Fremden etwas zu trinken anzubieten, ins Haus, in die Hütte zu bitten, sei sie auch noch so bescheiden. Ein Reisender, der aus fernen Gegenden kommt, muss bewirtet werden, dies gebietet die aus den Lebensumständen gewachsene Gastfreundschaft.
Und so wie sich das getrocknete Teeblatt im heißen Wasser öffnet, sein Aroma freigibt, öffnen sich die Menschen, wenn sie die Pialka, die Teeschale, in die Hand nehmen. Tee wird zum Getränk des Öffnens, der Begegnung. Für Austausch und Verständnis das Elixier
Wohl ist es auch der Wunsch zu hören, zu lauschen, was der Reisende an Neuigkeiten bringt, an Nachrichten aus der Welt draußen. Man sitzt auf Filzmatten oder wenn man in ein ‚reiches’ Haus kommt auf dem Sorü und tauscht sich aus, erfährt, erzählt, erlebt die Welt, Ideen, Neues, ist offen. Man lebt offen, ist offen. Und verschließt sich nicht, verschließt nicht das Haus vor dem Fremden, denn das Fremde kann Neues und Gutes bringen. Es war demnach eine Selbstverständlichkeit, dass ich in der kleinen, armseligen Lehmhütte oben auf dem Dschailoo, der Sommerweide, bei Almat schlafen konnte, ja sollte – und ein Lied aus der Fremde, aus meiner Heimat singen musste.
So ist die nahende Stadt Osch und das Leben dort wie ein Antipoden. Geschlossene Türen und Fenster. Fest fixierte Regeln und Grenzen. Das menschliche Leben ist beides. Und so ist das eben Erlebte essentiell für die Einheit des Ichs.
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Von weißem Tee und betrunkener Milch
…so dass man den Alkohol - wie das Fleisch in der Maultasche - versteckt
Die heiligen Bücher künden nicht nur von unserem Vater, dem Schöpfer, von Jahve, Gott, Allah oder Manitu – wie immer er auch genannt wird, es ist immer der Eine. In den Schriften, die den Religionen zu Grunde liegen, wird vor allem auch das Leben und Handeln der Menschen auf Erden reglementiert. Es sind oft seitenlange Gesetzesbücher für Gemeinschaften und den Einzelnen, die Ratschläge geben und auch Verbote aussprechen. Oftmals erstaunlich modern, wenn es um die Gesundheit und das Sozialverhalten geht.
Dass der Gottgläubige beispielsweise überall auf der Welt sich in einen berauschten Zustand versetzt um seinem Gott, der Erkenntnis näher zu sein oder einfach um zu feiern und das triste Alltagsleben zu vergessen, kennt wahrscheinlich jedes heilige Werk, weiß selbst der Koran, sprich deren Verfasser, und scheint dies auch zu verzeihen. Heißt es doch in der ‚Heiligen Schrift’ im dreiundvierzigsten Vers (kufische Verszählung) der vierten Sure: ‚O ihr, die ihr glaubt, nähert euch nicht trunken dem Gebet (sondern wartet), bis ihr wisset, was ihr sprechet.’ Nichts von Verdammnis oder so, sehr human das Ganze. Bei uns würde man sagen ‚schlaf erst mal deinen Rausch aus, dann sprechen wir uns wieder.’ Dennoch gilt Alkohol – zumindest in muslimischen Glaubenskreisen – als verboten, zumindest verpönt.
Zeit religiöser – auch weltlicher – Reglementierungen ist das menschliche Bestreben, solche Regeln und Gesetze zu umgehen, zu überschreiten. So verstecken die Christen eben das Fleisch in einer Teigtasche, dass sie auch am Freitag auf das so schmackhafte tierische Eiweiß nicht verzichten müssen, so schaufeln eben die Muslime während des Ramadans in der Dunkelheit – wenn Allah es weniger sieht - ganze Berge Nahrungsmittel in sich hinein.
Da nun einmal Kirgistan eine ehemalige Sowjetrepublik und nicht gar so streng islamisch geprägt ist, stehen die Regale in den Läden, Kiosken und Marktständen voll mit diversen Alkoholika. Dennoch, so habe ich gemerkt, gehört es nicht zum guten Ton für die Muslime in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken – meist bin ich in einem Tschaikanan, der Teestube, der einzige, der zum Schaschlik ein Bier trinkt – oder gar betrunken zu sein. Und dennoch ist der Wodka aus der kirgisischen Gastronomie nicht mehr weg zu denken. Was aber tun, wenn man an einem öffentlichen Platz sitzt und sich mit einigen Kumpels mal so richtig einen hinter die Binde gießen will. Man bestellt eben „ak tschai (weißen Tee). So bringt die tschong kis (mit ‚großes Mädchen’ redet man die Bedienung an) Teeschalen und eine Kanne Tee, der verdächtig klar ist und verdächtige 40% Alkohol hat. Eine andere Umschreibung dieses hochprozentigen Getränkes ist der weiße Ziegenbock, ak koi. Arak hingegen ist die ganz normale kirgisische Bezeichnung für Wodka.
Und genau hier kommen wir auch schon zur Stutenmilch. Araca ist die Bezeichnung für Branntwein und genau das entsteht, wenn die natürlich vergorene Stutenmilch einen weiteren Destillationsprozess durchmacht. Kumis hat bis zu zwei Prozent Alkohol und schmeckt säuerlich prickelnd. Für Bier gewohnte Gaumen sehr gewöhnungsbedürftig. Allerdings muss den doch so gesundheitsbewussten Westlern an dieser Stelle einmal deutlich gesagt werden, wie gesund diese vergorene Stutenmilch ist. Den Steppenvölkern diente sie teilweise als Ersatz für frisches Obst und Gemüse, da sie einen sehr hohen Vitamin- und Mineralstoffgehalt hat. Reich an Vitamin A, B1, B2, B12, D, E, C, Spurenelementen, Antibiotika ähnlichen Wirkstoffen, Laktat- und Carbonsäure, hat Kumis eine heilende Wirkung auf Magen-und Verdauungstrakt, auf die Nierentätigkeit, Herz und Immunsystem. Heilwirkung hat dieses Getränk vor allem auch bei ‚emaciation’ und ‚anemia’. Wichtig bei der Herstellung ist vor allem das regelmäßige schütteln, beziehungsweise stampfen der Flüssigkeit. Die Stutenmilch wird in einen Sack aus Ziegen- oder Pferdeleder, der innen gut geräuchert wurde, gefüllt und alle zwei Stunden mit einem Holzstößel durchquirlt. Schon nach vierundzwanzig Stunden ist der Kumys mit dem entsprechenden Alkoholgehalt fertig.
Darf man sich also als Lehrer in Kirgistan nicht zu sehr wundern, wenn ein Schüler schon in der ersten Stunde mit schielenden Augen im Deutschunterricht sitzt; er hat wahrscheinlich zum Frühstück nur etwas zu viel Milch getrunken – zu tief ins Stutenmilchglas geschaut.
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